Südseeträume


Weimarer Gartenlust: Das Fest der schönen Künste im Park von Belvedere

Belvedere war der Lust- und Sommersitz der Weimarer Fürsten. Gibt es einen schöneren Ort für die Weimarer Gartenlust? Im Hof der Belvederer Orangerie wandeln Sie buchstäblich unter Palmen - und garantiert ungestraft! So wirbt Viktoria Freifrau von dem Bussche für die erste Weimarer Gartenlust. Und bekennt damit nicht nur ihre Vorliebe für Gärten, sondern auch für Goethe, dessen Roman Die Wahlverwandtschaften sie besonders liebt. Ottilie vertraut darin ihrem Tagebuch an, was schon bald zu einem geflügelten Wort werden sollte: Es wandelt niemand ungestraft unter Palmen, und die Gesinnungen ändern sich gewiss in einem Lande, wo Elefanten und Tiger zu Hause sind.
An diese Sehnsucht des Mitteleuropäers nach fernen Ländern mit ihrer exotischen Pflanzen- und Tierwelt knüpft die Intendantin der Gartenlust an, indem sie ihr das Motto Südseeträume gibt. Denn die Südsee war und ist wohl eines der Traumziele - im 18. Jahrhundert genauso wie heute im Zeitalter des Massentourismus.
Goethe und Großherzog Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach teilten die Leidenschaft der Entdecker und Pflanzensammler, die vor 250 Jahren von England aus in die Südsee aufbrachen und exotische Pflanzen wie Palmen, Kakteen, Rhododendren, Weihnachtsstern, Orchideen u.a. mitbrachten. Die Orangerie und der botanische Garten von Belvedere zählten damals zu den bedeutendsten Sammlungen Europas, wovon der 1820 erschienene Hortus Belvederanus zeugt.
Zugleich steht Südseeträume aber auch für einen neuen Gartenstil, der in England mit lush: saftig, üppig bezeichnet wird und kräftige Farben, kontrastreiche Strukturen und eine tropische Fülle kreiert.
Hier, im Mutterland der Gartenkunst, in Gärten wie dem von Sussinghurst, hat sich Viktoria von dem Bussche Anregungen geholt, als sie 1990 begann, den Park von Schloss Ippenburg (bei Bad Essen im Landkreis Os-nabrück) umzugestalten. Ein Dornröschenschloss sollte aus dem riesigen neugotischen Kasten mit dem 8 ha großen, z.T. brachliegenden Umfeld werden. Seitdem betreibt sie eine eigene Staudenzucht, die Park und Garten jährlich um etwa 1000 neue Pflanzen bereichert, was schon bald die Aufmerksamkeit von Gartenliebhabern erregte. Als 1998 das jüngste ihrer vier Kinder Ippenburg verließ, veranstaltete sie das erste Ippenburger Schloss- und Gartenfestival, das bereits 10000 Besucher in das abgelegene Schloss zog. Inzwischen ist Ippenburg zu einem Gesamtkunstwerk der Gartenkunst avanciert und zugleich zur Initialzündung für Garten-Messen und -Festivals in Deutschland geworden.
Die leidenschaftliche Gärtnerin wurde schon oft gebeten, anderswo bei der Planung und Organisation von Gartenfesten mitzuwirken. Immer hat sie abgelehnt. Dem Ruf aus Weimar, dessen berühmte Parks und Gärten sie bisher nur aus der Literatur kannte, konnte sie nicht widerstehen, schon gar nicht, nachdem sie die Orangerie von Belvedere gesehen hatte. Das war Liebe auf den ersten Blick. Damit standen Ort und Thema der ersten Weimarer Gartenlust ihr fest vor Augen. Seit Mai ist sie nun in der Klassikerstadt, um parallel zu Ippenburg, wo im Juni das alljährliche Gartenfestival stattfindet, die Weimarer Gartenlust vorzubereiten.
Vom 3. bis 6. Juli können Gartenliebhaber in Belvedere vier Schaugärten und eine historische Ausstellung in der Orangerie besichtigen, an etwa 50 Verkaufsständen Pflanzen und mehr erwerben, Vorträge, Lesungen, Konzerte erleben und kulinarische Köstlichkeiten genießen. Die Weimarer Gartenlust wird ein Fest für alle Sinne - eine Flowershow nach englischem Vorbild, ein Chelsea en miniature.
Im Mittelpunkt des Interesses werden die Schaugärten stehen, die international bekannte Gartenkünstler präsentieren. Diese Gärten befinden sich auf dem Gelände südlich der Orangerie, das bereits 1928 für die Thüringische Gartenausstellung genutzt worden ist.
Spurensuche nennt Christopher Bradley-Hole (London) seinen in Zusammenarbeit mit Insa Winkler (Hamburg) gestalteten Garten. Der gerade erst in Chelsea mit einer Goldmedaille geehrte Künstler teilt das Areal in zwei Pflanzbereiche, die für die nördliche und südliche Hemisphäre der Erde stehen. Etwa 2000 weißgefärbte Bambusstangen werden in dem experimentell angelegten Entwurf eingesetzt und lassen den Garten von weitem wie eine Skulptur erscheinen.
Von Goethes Verhältnis zu zwei Frauen ließen sich Isabelle van Groeningen und Gabriella Pape (GB) inspirieren. Lottes Patchwork nennen sie ihr Kunstwerk, das die Klarheit und Vitalität von Goethes Geist mit dem Sensualismus und der Empfindsamkeit Charlotte Buffs (Werthers Lotte) und der Gelassenheit Charlotte Steins verbindet. Ein Patchwork aus wogenden Gräsern und kräftig farbigen Blüten, aus der klassischen Form des Kubus und beschnittenen Buchsbaumhecken.
Eine Mediterrane Szenografie entwerfen Philippe Niez und Alexandra Schmidt (Paris). Sie inszenieren einen Garten mit sechs Olivenbäumen, die wie keine Pflanze sonst charakteristisch für die Vegetation des Mittelmeerraumes ist.
Ute Wittich (Frankfurt a.M.) lässt einen wilden, üppigen Garten entstehen, ein wahres Dschungel-Paradies. Südseeträume à la Rousseau, Gauguin, Humboldt. Hommage à Henri Rousseau, den Zöllner nennt sie ihre Kreation, die eine Brücke zwischen Weimar und Frankfurt schlagen soll. Ihr Exotic Garden stellt einen Bezug zum Frankfurter Palmengarten und dessen großem Palmenhaus (1870) her.
Diese Schaugärten sind von Pfingsten bis September zu bewundern. Danach wird auf dem Gelände wieder das gewohnte Blumenparterre hergestellt. Viele der Pflanzen aus den Schaugärten werden künftig die Bestände der Orangerie bereichern, so beispielsweise einige Olivenbäume.
Die Ausstellung Südseeträume. Pflanzensammler und Entdecker, die vom 3. Juli bis 20. September in der Orangerie gezeigt wird, hinterfragt das Thema historisch und entführt den Betrachter in die Welt der Abenteurer, Forscher und Geschäftemacher im 18. Jahrhundert. Prof. Dr. Wilfried Morawetz, Direktor des Botanischen Gartens Leip-zig, der bereits in Linz und Wien mit Ausstellungen zu tropischen Lebensräumen Erfolge hatte, ist Kurator der Exposition. Der Experte für Baumkronenforschung initiierte die weltweit erste Aufstellung eines Beobachtungskranes im Amazonasgebiet. Ein ähnlicher Kran wird auch am Ende der Lindenallee in Belvedere stehen und zu Entdeckungen in den Kronen der 250 Jahre alten Parkbäume einladen.
Südseeträume verspricht eine Attraktion für Jung und Alt, für Besucher von nah und fern zu werden. Auf insgesamt 20000 hofft Frau von dem Bussche, denn nur in einer solchen Größenordnung rechnet sich die Show und kann auf Fortsetzung hoffen. Im Jahre 2004, wenn sich Maria Pawlownas Ankunft in Weimar zum 200. Male jährt, soll das Motto heißen: Sehnsucht nach Pawlowsk.
Noch ist die in Weimar (mit immerhin drei bedeutenden Parks und vielen Gärten) stets gepflegte Gartenkultur kaum überregional bekannt - ein touristisch noch weitgehend unerschlossener Schatz. Dabei stellten Besucher wie Adolf Stahr schon 1851 fest: Welch eine behagliche Stadt ist dies kleine Weimar! so recht gemacht für einen Sommeraufenthalt ... man [fühlt] sich überall umwittert vom Zauberhauche der größten geistigen Vergangenheit ... Und endlich zu allen diesen geistigen Elementen eine Naturumgebung, welche dies Weimar zu einer der spazierlichsten Städte macht ... Weimar ist eigentlich ein Park, in welchem eine Stadt liegt.

Gabriele Drews